Stadtgespräch

Narbe auf Bauch und Seele

Gloria Wintermann (gw) · 15.03.2018

pixabay.com/luciana_ferraz

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Für werdende Mütter und Väter ist die Geburt ihres Kindes eines der magischsten und einprägsamsten Erfahrungen in ihrem Leben. Mutter und Kind vollbringen während der Geburt eine gemeinsame biologische Meisterleistung, die den Grundstein für die weitere Entwicklung legt. Die meisten Kinder kommen spontan durch den Geburtskanal zur Welt. Kommt es jedoch zu Risiken für Mutter, Kind oder beide, kann ein Kaiserschnitt, medizinisch Sectio caesarea genannt, notwendig werden. In Deutschland betrifft dies aktuell etwa jede dritte Geburt, sachsenweit etwa jede vierte. Zwei Prozent der Frauen entscheiden sich für einen Kaiserschnitt ohne medizinische Notwendigkeit. Häufig hinterlässt der Eingriff bei den betroffenen Müttern, Kindern und Eltern nicht nur körperliche sondern auch seelische Spuren. Wie damit umgehen und das Erlebte verarbeiten, das weiß Katrin Neumann, Initiatorin und Gruppenleiterin der Dresdner Selbsthilfegruppe „Kaiserschnittmamas“, aus eigener Erfahrung. Kind + Kegel hat mit ihr über die Selbsthilfegruppe und ihre Arbeit gesprochen.

K+K: Viele prominente Mütter wie Angelina Jolie, Victoria Beckham, Daniela Katzenberger haben es getan- per Kaiserschnitt entbunden. Und die Medien vermitteln, dass es etwas ganz „Normales“, ein Routineeingriff ist. Stimmt das? Wie geht es den Frauen nach einem Kaiserschnitt?

Katrin Neumann: „Ein Kaiserschnitt ist und bleibt eine große Bauchoperation, die im Falle auftretender Komplikationen bei einer natürlichen Geburt meist unter Vollnarkose durchgeführt wird. Diese Art von Gebären kann sehr traumatisch sein. Nach dem Kaiserschnitt kann es zudem zu Problemen beim Stillen, starken Schmerzen und Narbenproblemen, auch über Jahre hinweg, kommen. Die Frauen sind erst einmal auf die Hilfe anderer angewiesen. Viele Frauen mit Kaiserschnitt haben Probleme diesen zu verarbeiten. Sie fühlen sich durch den Kaiserschnitt des natürlichen Geburtserlebnisses beraubt, sind enttäuscht oder haben das Gefühl versagt zu haben. Die internationale Gesellschaft für prä- und perinatale Psychologie und Medizin (ISPPM e.V.) hat erst kürzlich einen Appell zur psychologischen Notsituation in der Geburtshilfe gestartet. Darin wird darauf aufmerksam gemacht, dass medizinisch-technische Eingriffe vor, während und nach der Geburt tiefgreifende und langfristige seelische Nachwirkungen für Mutter, Kind und deren Bindung haben können. Darüber aufzuklären, sehe ich als einen wichtigen Teil meiner Arbeit.“

K+K: Die Kaiserschnittraten haben in den letzten Jahren immer weiter zugenommen, aktuell wieder mit einem leichten Abwärtstrend. Was ist aus ihrer Sicht der Grund für die zunehmenden Zahlen?

Katrin Neumann: „Ein Grund hierfür sind Eingriffe in den natürlichen Geburtsablauf, die nicht immer absolut medizinisch notwendig sind. Durch Geburtseinleitungen, Eröffnen der Fruchtblase, Medikamente sowie mehrfach und teils unnötige vaginale Untersuchungen o.ä. werden die Frauen und die Kinder in ihrem natürlichen Geburtsvorgang gestört.“

K+K: Wann und warum wurden die „Kaiserschnittmamas“ gegründet?

Katrin Neumann: „Ich habe meine älteste Tochter vor sechs Jahren selbst ungeplant per Kaiserschnitt auf die Welt gebracht und gemerkt, dass ich mit anderen Betroffenen darüber sprechen wollte. Es gab zu dieser Zeit keine Anlaufstelle in Dresden oder Umgebung, sodass ich am 07.03.2014 selbst eine Selbsthilfegruppe für Kaiserschnittmütter initiiert habe.“

K+K: Welche Ziele verfolgt die Selbsthilfegruppe?

Katrin Neumann: „In erster Linie wollen wir den betroffenen Frauen Raum geben, das Erlebte zu verarbeiten und zu verstehen. Dabei hilft es, sich untereinander auszutauschen, gemeinsam Wege bei der Problembewältigung zu finden und Tipps zu geben, um die Mutter-Kind-Bindung zu stärken. Außerdem wollen wir die Frauen ermutigen, bei erneuten Schwangerschaften auf natürlichem Weg zu entbinden, insofern keine absoluten medizinischen Einwände bestehen. Die Frauen sollen darin bestärkt werden, dass sie gebärfähig sind. Sie sollen auch ermutigt werden ihre Wünsche gegenüber den Geburtshelfern klar zu kommunizieren, damit sie selbstbestimmt entbinden können. Meine zweite Tochter habe ich vor einem Jahr, trotz vorherigem Kaiserschnitt, im Geburtshaus auf die Welt gebracht.“

K+K: Welche Frauen treffen sich in der Selbsthilfegruppe?

Katrin Neumann: „Zielgruppe sind Frauen, die ein- oder mehrmals per Kaiserschnitt entbunden haben und die durch den Eingriff emotional belastet sind. Außerdem richtet sich unser Angebot an Frauen, die nach Kaiserschnitt erneut schwanger sind und Angst vor der Entbindung haben. Auch Frauen, bei denen der Kaiserschnitt geplant oder gewünscht war, dürfen gern kommen. Aktuell treffen sich meist kleine Gruppen von höchstens fünf Frauen, die meist zwischen 20 und 35 Jahren oder auch älter sind. Die Frauen können jederzeit ein- oder auch aussteigen. Sie können selbst entscheiden, ob sie bei unseren Treffen etwas erzählen möchten oder nicht. Vertraulichkeit und Anonymität sind zu jeder Zeit gewahrt.“

K+K: Wie oft treffen sich die Frauen, wer leitet die Gruppe und wie läuft so ein Treffen ab?

Katrin Neumann: „Momentan gibt es insgesamt zwei Gruppen, die sich normalerweise einmal im Monat treffen. Eine Gruppe trifft sich im FrauenBildungsHaus in Dresden-Strehlen und eine im interdisziplinären Therapiezentrum Menschenreich in Dresden-Blasewitz. Ab April 2018 wird es eine weitere Gruppe in der Kindertagespflege „Blumenkinder“ in Heidenau geben. Geleitet werden die Gruppen von ehrenamtlichen Mitarbeitern, die psychologisch und medizinisch geschult sind. Ich selbst bin Kindertagespflegeperson und psychologische Beraterin. Eine Kollegin ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, eine andere Gesundheits- und Krankenpflegerin. Wir Frauen sitzen in gemütlicher Runde zusammen und tauschen uns aus. Wir überlegen uns gemeinsam Lösungen und sammeln Ideen. Dabei profitieren Frauen, die neu dazukommen von den Frauen, die schon länger dabei und entsprechend weiter in der Verarbeitung sind. Kinder dürfen jederzeit zum Treffen mitgebracht werden, sodass auch stillende und allein erziehende Mütter teilnehmen können. Ein- bis zweimal im Jahr laden wir auch Fachleute ein, die einen Vortrag halten oder aktuelle Studien zum Thema vorstellen.“

K+K: Steht professionelle Hilfe zur Seite?

Katrin Neumann: „Wir sind gut vernetzt und arbeiten eng mit Gynäkologen, Hebammen, Psychologen, Krankenhäusern und Beratungsstellen zusammen. Die betroffenen Frauen erhalten von uns geeignetes Fachpersonal an die Hand, das die Nachsorge übernimmt und auf die erneute Geburt nach Kaiserschnitt gut vorbereitet.“

K+K: Sind auch Väter durch die Selbsthilfegruppe angesprochen?

Katrin Neumann: „Die Gruppen sind reine Frauengruppen. Die Väter sind eher im Hintergrund. Wir wollen die Frauen aber ermutigen, auch mit ihren Partnern über das Geburtserlebnis zu sprechen. Gerade nach einem Kaiserschnitt nehmen die Väter für den ersten Beziehungsaufbau zum Neugeborenen, das Bonding, eine wichtige Rolle ein. Auch Väter können traumatisiert sein. Wir haben auch schon überlegt eine Vätergruppe ins Leben zu rufen.“

K+K: Wie finanzieren Sie die Arbeit von „Kaiserschnittmamas“?

Katrin Neumann: „2016 sind wir mit dem „Sächsischen Selbsthilfepreis der Ersatzkassen“ ausgezeichnet worden. Mit dem Preisgeld von 2000 € können wir Materialkosten für Flyer o.ä. finanzieren. Wir Gruppenleiter arbeiten ehrenamtlich. Die Räumlichkeiten werden uns kostenlos zur Verfügung gestellt.“

K+K: Wie kann man mitmachen, wenn man selbst eine traumatische Geburt hatte?

Katrin Neumann: „Betroffene Kaiserschnittmamas können sich jederzeit bei mir melden, entweder direkt per Telefon (Anruf oder SMS) oder über das Kontaktformular unserer Homepage.“

K+K: Gibt es noch etwas, was Sie zu Ihrer Arbeit bei den „Kaiserschnittmamas“ sagen möchten?

Katrin Neumann: „Ja! Ich möchte mich bei meinem Partner und meinen Kindern bedanken, dass sie mir diese Arbeit ermöglichen. Außerdem gilt mein Dank den Gruppenleiterinnen Sarah Mintchev, Jenny Uschkrath und Cathleen Bokelmann. Nicht zu vergessen Frau Krömer, die uns den Raum im FrauenBildungsHaus kostenlos zur Verfügung stellt, Kristin Rietschel von der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen (KISS) in Dresden und natürlich auch allen Gynäkologen, Hebammen, Psychologen und Krankenhäusern für Ihre Unterstützung.“


Kontakt zur Selbsthilfegruppe:
Katrin Neumann Tel.: 0162/ 2 77 31 00
Email: kaiserschnittmamas@gmx.net
Homepage: www.kaiserschnittmamas-dresden.de

Tags: Kaiserschnitt , Kaiserschnitt in Dresden , Selbsthilfegruppe , Traumatische Geburt

Kategorien: Kaleidoskop , Stadtgespräch , Ratgeber