Ratgeber

Psychosomatische Erkrankungen bei Kindern

Dr. Norbert Lorenz, Oberarzt in der Kinderklinik am Städtischen Klinikum Dresden-Neustadt · 04.09.2017

Fotalia.com/Stefanie Baum

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Leni ist 13 Jahre alt, besucht die siebente Klasse des Gymnasiums und ist eine gute Schülerin. Besonders Mathe und die Naturwissenschaften haben es ihr angetan. Die anderen Mädchen in der Klasse finden Sie eingebildet, da sie am liebsten mit den Jungs über Formeln oder die letzten Versuche in Physik spricht. Leni verbringt ihre Nachmittage mit Ballettausbildung, Mathe-AG, außerdem spielt sie Schach im Verein. In der Schulzeit trainiert sie regelmäßig Leichtathletik. Eigentlich könnte alles gut sein. Wären da nicht die Abende, die Nächte oder auch die Wochenenden, an denen Leni sich so allein fühlt. Oft hat sie dann Schmerzen im Brustkorb, manchmal Kopfschmerzen, oder sie fühlt sich einfach nur erschöpft. Ihre Eltern haben sich schon seit langem große Sorgen gemacht, Leni kennt alle: die Kopfschmerzambulanz, die Herzsprechstunde und die Bauchschmerzsprechstunde. Sie war mit ihren Eltern schon in drei Kinderkliniken vorstellig. kennt alle Osteopathen. Niemand hatte etwas gefunden. Keiner hatte sie, Leni, wahrgenommen: „Seien Sie doch stolz auf ihre Tochter“, sagten die Ärzte den Eltern. „Sie ist so toll- und so gesund! Wir haben nichts gefunden.“ Keiner hatte sie bei unzähligen Terminen nach ihren Gedanken gefragt...

 

Schmerzen durch Not

Leni ist in unserem Versorgungssystem, das meist oft entweder Schulmediziner oder Komplementärmediziner kennt, schwer zu helfen. Müssen wir davon ausgehen, dass Leni sich alle Beschwerden nur einbildet? Ist sie am Ende ein Fall für Psychologen oder gar Psychiater? Nein!

Als erster beschrieb der berühmte Arzt Hippokrates, der Begründer der Medizin, psychosomatische Erkrankungen: Es handelt sich dabei um Beschwerden und Krankheiten die sowohl die ψυχή psyché (griech. Atem, Hauch und Seele) und das σῶμα soma (Körper, Leib und Leben) betreffen. Dieses Leib-und-Seele-Problem beschäftigt seit der Antike die Medizin. Lange Zeit wurde darüber diskutiert, wer macht wen krank, die Psyche den Leib oder der Leib die Seele. Heutzutage geht die moderne Psychosomatik stattdessen davon aus, dass diese Frage unwichtig ist.

Es kommt vielmehr darauf an, durch ganzheitliche Betrachtung des Patienten sowohl die körperlichen Beschwerden zu akzeptieren als auch psychische Beeinträchtigungen als Ursachen körperlicher Veränderungen anzuerkennen. Gerade Kinder drücken oft ihre psychische Not mit Schmerzen aus. Bauchschmerzen, Kopfschmerzen und Schlafstörungen können erste und ernsthafte Hinweise darauf sein, daß die kindliche Psyche, die Seele, nicht mehr mit ihren Gefühlen und der Umwelt klarkommt. Ebenso ist es möglich, daß das kindliche Gehirn aufgrund einer schwierigen psychosozialen Situation oder einer gestörten Familienbeziehung geringfügige Beschwerden überbewertet und als dramatische Schmerzen wahrnimmt. In allen diesen Fällen setzt die moderne psychosomatische Medizin an: Nach unzähligen Vorstellungen in Kinderkliniken, Spezialsprechstunden, beim Osteopathen, beim Anthroposophen und anderen Spezialisten schlägt Lenis Hausärztin, eine erfahrene Kinderärztin, der Familie vor, eine psychosomatische Diagnostik und gegebenenfalls Therapie in einer Kinderklinik einzuleiten.

 

Ganzheitliche Behandlung verschafft Linderung

Nach einer Erstvorstellung in der psychosomatischen Abteilung der Kinderklinik, die die Erhebung eines ausführlichen kinderärztlichen Zwischenberichtes als auch den Kontakt mit den Psychologen und Therapeuten der Spezialklinik beinhaltete, sind sich Eltern und Therapeuten sicher: eine weitere organische (im weitesten Sinne körperliche) Diagnostik des Mädchens ist wenig sinnvoll und belastet und verstärkt möglicherweise Lenis Beschwerden. Der Oberarzt der psychosomatischen Abteilung schlägt stattdessen vor, Leni in das psychosomatische Behandlungsprogramm der Klinik zu übernehmen. Heilpädagogische, spezialtherapeutische Behandlungsmethoden (Bewegungstherapie, Musiktherapie, Entspannungstherapie und heilpädagogische Methoden) helfen Leni, in Zukunft besser mit ihren Begabungen, ihren Fähigkeiten und ihrer Umwelt zurechtzukommen und ihr Leben zu meistern. Kinderärztliche Expertise und schulmedizinisches Wissen und ergänzende Therapieformen wie Sport, Bewegung und Gesprächstherapie werden Leni zurück in ein glückliches Leben führen.

 

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