Ratgeber

Nicht von schlechten Eltern

Gloria Wintermann (gw) · 28.09.2017

PTV Sachsen

PTV Sachsen

Annas Mama liegt oft stundenlang auf dem Sofa. Sie ist müde, traurig und reagiert nicht, wenn Anna etwas von ihr möchte. Igors Papa hört Stimmen, die andere nicht hören. Er ist dann schnell genervt und schreit Igor an. Idas Mama putzt dreimal täglich stundenlang das ganze Haus. Freundinnen darf Ida nicht mit nach Hause bringen. Ida fühlt sich allein und isoliert.

In Deutschland leben aktuell schätzungsweise drei Millionen Kinder von Eltern mit einer psychischen Erkrankung. Ihre Sorgen, Belastungen, Bedürfnisse und das eigene Risiko, später selbst an einer psychischen Krankheit zu leiden, wurden bisher kaum in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Das soll sich in Zukunft ändern. Im Juni 2017 hat der Deutsche Bundestag die Arbeitsgemeinschaft „Hilfen für Kinder psychisch kranker Eltern“ beschlossen. Ein erster Schritt in Richtung einer optimalen interdisziplinären Versorgung der betroffenen Kinder ist gegangen. Nun bleibt die konkrete Umsetzung abzuwarten. In Dresden gibt es seit einigen Jahren KiElT, Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern mit psychischen Belastungen und Erkrankungen. Kind & Kegel sprach mit Grit Reschnar, Diplom-Psychologin und systemische Beraterin bei KiElt. Sie berichtet von den Themen, die Kinder und Jugendliche psychisch kranker Eltern bewegen und wie betroffene Familien Unterstützung erfahren können.

Angst, Depression & Co immer noch Tabu

Obwohl mittlerweile immerhin 33 Prozent der deutschen Bevölkerung auf das Jahr gerechnet das Bild von einer oder mehr psychischen Diagnosen erfüllt, sind Depression, Angst- und Zwangsstörungen, Schizophrenie, Persönlichkeitsstörung, Suchterkrankungen und Co nach wie vor ein Tabuthema. Grit Reschnar: „Es kostet die betroffenen Familien einiges an Überwindung, zu uns in die Beratung zu kommen. Oft spielen Scham und die Angst darüber, dass das Umfeld etwas von der Erkrankung mitbekommen könnte, eine große Rolle. Dies führt dazu, dass lange gewartet wird, bis Hilfe in Anspruch genommen wird.“

Ein Raum für Sorgen und Nöte bekommen

Die Wege in die Beratung sind vielfältig. Einige Eltern finden über Flyer in Kinderarztpraxen oder die Homepage zu KiElt. Oft empfehlen Mitarbeiterinnen des Sozialdienstes in psychiatrischen Kliniken, beim Jugendamt oder sozialpädagogische Familienhelferinnen den betroffenen Eltern die Beratungsstelle. Grit Reschnar erzählt weiter: „Meist sind wir eine erste Anlaufstelle und koordinieren bei Bedarf weitere Hilfsangebote. Die Beratung ist freiwillig, kostenlos und vertraulich. Die Kinder und Eltern bekommen hier Raum, um mit uns über ihre Sorgen und Nöte ins Gespräch zu kommen. Einen festen Ansprechpartner zu haben, gibt besonders den betroffenen Kindern Sicherheit und sie erfahren Entlastung, mit ihren Problemen nicht alleine da zustehen. In der Familien- und Paarberatung geht es darum, krankheitsbedingte elterliche Konflikte oder Erziehungsprobleme zu lösen.“

Themen, die bewegen

Die betroffenen Kinder kommen mit den verschiedensten Themen. Frau Reschnar erzählt dazu: „Ein großes Thema sind Ängste, auf sich alleine gestellt zu sein, wenn die Eltern nicht verfügbar sind. Die Kinder fragen sich, wer sich um sie kümmert, wenn Mama oder Papa wieder ins Krankenhaus müssen. Auch Schuld ist ein großes Thema. Häufig fühlen sie sich für die Erkrankung und die Situation zu Hause verantwortlich, beziehen Dinge auf sich. Dann entstehen Gedankengänge wie Weil ich nicht lieb war, geht es Mama jetzt so schlecht.

Ein weiteres Thema sind Veränderungen der Eltern-Kind-Rolle. Wenn Eltern ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen können, schlüpfen die Kinder in eine Erwachsenenrolle hinein, die ihnen nicht zusteht. Im Alltag kann es passieren, dass die Kinder das erkrankte Elternteil versorgen wollen oder sie stellen sich als Gesprächspartner zur Verfügung. Das führt zur Überforderung und zur Vernachlässigung altersangemessener Entwicklungsschritte wie Freunde finden, einem Hobby nachgehen, spielen. Die betroffenen Kinder und Jugendlichen haben in der Folge häufig Schwierigkeiten, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen und anderen gegenüber angemessen auszudrücken bzw. auszuleben. Das wiederum ist ein Risikofaktor für spätere eigene Beziehungsprobleme und erhöht das Risiko für eigene psychische Erkrankungen.“

Aufklärung ist das A und O

Grundpfeiler der Beratung ist, das Verständnis für die elterliche Erkrankung und den Umgang damit zu ermöglichen. Im Einzelsetting aber auch in thematischen Gruppen wird das Wissen über psychische Erkrankungen für Kinder, Jugendliche und Eltern altersentsprechend vermittelt. Der adäquate Umgang mit den eigenen Gefühlen und die Stärkung des Selbstwertgefühls sind weitere wichtige Inhalte der Gruppen- und Einzelarbeit. Im Zusammenspiel helfen diese Bausteine, das eigene Risiko, seelisch zu erkranken, abzupuffern.

Frau Reschnar dazu: „Die Kinder erfahren, dass es Teil der Krankheit ist, wenn Mama oder Papa manchmal den ganzen Tag im Bett liegen oder launisch sind. Wir ermutigen Kinder, ihre eigenen Bedürfnisse auszuleben, fröhlich sein zu dürfen – auch wenn es dem Elternteil gerade nicht so gut geht. Wir erklären ihnen, dass speziell ausgebildete Fachkräfte, wie Psychotherapeuten, psychische Erkrankungen behandeln können. Wir erstellen u.a. mit ihnen und den Eltern einen Notfallplan mit Telefonnummern und Kontaktpersonen, an die sie sich wenden können, wenn Mama oder Papa nicht einsatzfähig sind. Und sehr wichtig: es wird viel gespielt. Die Kinder dürfen einfach nur Kinder sein.“

 

 

Kontakte und weitere Infos:

  • KiElT- Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern mit psychischen Belastungen und Erkrankungen, Psychosozialer Trägerverein Sachsen e.V., Naumannstraße 3a, 01309 Dresden, Tel. 0351-44039967, kielt@ptv-dresden.de

weitere Hilfen in Dresden: abrufbar unter http://www.helps4you.de/r-angebote.html

 

Einzel- und Gruppenangebote von KiElt:

  • Gruppe für Kinder psychisch erkrankter Eltern (9-12J.)

  • „Ton ab!“ Medienprojekt für Jugendliche ( 13-18J. mit psychisch erkrankten Familienangehörigen)

  • Systemische Einzel-, Paar- und Familienberatung unter besonderer Beachtung der Auswirkungen seelischer Erkrankung für Eltern (-teile), Kinder und Jugendliche

Weitere Angebote des Psychosozialen Trägervereins Sachsen e.V.:

  • a casa – ambulante Hilfen für Kinder, Jugendliche und Familien, Tel. 0351-4417982, acasa@ptv-dresden.de

  • Sozialtherapeutische Wohngemeinschaft für Mütter, Väter mit ihren Kindern, Tel. 0351-2086741, muki@ptv-dresden.de

Weiterführende Angebote für Menschen mit psychischen Erkrankungen und deren Anghörige:

Buchtipps:

  • «Sonnige Traurigtage», Ein Kinderfachbuch für Kinder psychisch kranker Eltern. S. Homeier, Mabuse-Verlag, Frankfurt/M. (4-8 Jahre) 22,90€

  • «Mamas Monster: Was ist nur mit Mama los?», E. von Mosch. Kindern Depressionen erklären. Balance Buch (4-6 Jahre) 14,95€

 

 

 

 

Kategorien: Kaleidoskop , Job und Familie , Ratgeber