Ratgeber

Es ist immer besser, nicht auf den Kopf gefallen zu sein!

Dr. Norbert Lorenz · 09.04.2018

Tipps von Dr. Norbert Lorenz, Oberarzt in der Kinderklinik am Städtischen Klinikum Dresden-Neustadt. Quelle: bualuang_fotolia-stock.adobe.com

Tipps von Dr. Norbert Lorenz, Oberarzt in der Kinderklinik am Städtischen Klinikum Dresden-Neustadt. Quelle: bualuang_fotolia-stock.adobe.com

Nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft „Mehr Sicherheit für Kinder e. V.“ verunglücken jedes Jahr in Deutschland rund 1,67 Millionen Kinder, davon mehr als 537.000 im Heim- und Freizeitbereich. Unfälle gehören damit zu den häufigsten kindlichen Gesundheitsrisiken. Über 50% Kinder verunfallen im häuslichen Milieu. Besonders häufig kommt es zu Kopf- und Hirnverletzungen (sog. Schädelhirntraumata - SHT), bis zu zwei Drittel der von einem Schädelhirntrauma betroffenen sind Kleinkinder und Säuglinge. Besonders häufig verunfallen junge Säuglinge im ersten Lebensmonat und Säuglinge im zweiten Lebenshalbjahr.

 

Intrakranielle Verletzungen, wie Blutungen der Hirnhäute oder Verletzungen des Gehirns sind in dieser Altersgruppe besonders häufig die Folge. Das früher in solchen Fällen routinemäßig durchgeführte Schädelröntgen kann diese Komplikationen nicht erkennen und sollte heute deshalb nicht mehr durchgeführt werden. Ärzte in Kinderkliniken sind heute in der Lage, Schädelfrakturen sicher mit Ultraschall zu erkennen oder ggf. auszuschließen. Nur die gute Beobachtung in einer Kinderklinik, je nach Schwere des Traumas, bzw. wenn ein Schädelbruch vorliegt, auch über mehrere Tage, und ggf. die Schnittbilduntersuchung des Gehirns mit Magnetfeldern (MRT) oder Röntgenstrahlung (CT) sind geeignet, Hirnverletzungen und Blutungen im Schädelinneren sicher zu diagnostizieren.

 

Vorsicht am Wickeltisch

 

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen leider, dass auch bei leichtem SHT (d.h. mit fehlender Bewusstlosigkeit oder einer Dauer des Bewusstseinsverlustes von weniger als 30 Minuten) lebenslange Folgen nach sich ziehen können. Anhaltende Kopfschmerzen und Müdigkeit verschwinden meist nach einiger Zeit, können aber nach Hirnverletzungen oder Blutungen im Schädel lebenslang bestehenbleiben. Besondere Sorge betroffener Familien ist natürlich, ob das Kind nach einem solchen Unfall schulische Defizite erleiden kann. Dies ist leider möglich. In einer aktuellen Untersuchung war das Risiko innerhalb von 9 Jahren an einem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom zu erkranken bereits nach einem leichtem SHT um 30% erhöht. Wissenschaftler fanden auch Hinweise dafür, dass wiederholte Kopfverletzungen zur Summation der bleibenden Schäden führen.

 

Für Eltern sind Kenntnisse über Möglichkeiten der Unfallvermeidung im Haushalt jedoch wichtiger als eingehende Belehrungen über Verletzungsmuster und -folgen. Die mit Abstand häufigste Ursache für eine Schädelfraktur im Säuglingsalter ist der Sturz vom Wickeltisch, gefolgt vom Sturz aus Tragetaschen oder Autokindersitzen. Wickeltische werden für Babys schnell gefährlich, selbst wenn Eltern auch nur kurz abgelenkt sind oder das Kind zunehmend mobiler wird. Eltern sollten Säuglinge und Kleinkinder auf dem Wickeltisch nicht für eine Sekunde aus dem Auge lassen und unbedingt vorher alle benötigten Utensilien bereitstellen. Am Sichersten ist es jedoch, generell auf dem Fußboden, natürlich mit einer Wickelauflage oder einer Decke zu wickeln.

 

Weitere Gefahrenquellen

 

Säuglinge und Kleinkinder haben in Hochbetten generell nichts zu suchen. Ein Sturz aus dem Hochbett führt in aller Regel zu schweren Verletzungen. Tödliche Gefahr droht dem Säugling und Kleinkind auch in Erwachsenenbetten, wo sie unter keinen Umständen allein schlafen sollten. Säuglinge und Kleinkinder schlafen am sichersten im eigenen, geprüften (z.B. GS) Gitterbett. Vorsicht sollten Eltern auch auf Treppen walten lassen, diese sollten nicht nur mit einem Gitter vor der Benutzung durch die kleinen Sprößlinge geschützt werden, Eltern sollten auch besonders aufmerksam sein, wenn sie diese mit dem Kind auf dem Arm benutzen.

 

Sogenannte Lauflernhilfen sind leider in Deutschland immer noch erhältlich, in anderen Ländern ist der Verkauf bereits verboten. Zum Glück sind diese völlig unnützen Gerätschaften aus gutem Grund nur noch wenig verbreitet, sie führten in der Vergangenheit zu gefährlicher unnatürlicher Mobilität von Säuglingen und schweren, oft lebensgefährlichen Kopfverletzungen.

 

Tags: Kinderarzt , Kopfverletzungen , Unfall

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