Brüderchen, komm‘ zank mit mir

Bild: Maria Symchych-Navrotska

Bild: Maria Symchych-Navrotska

Schon ein Blick kann reichen und Geschwister können von zauberhaften Spielkameraden zu erzverfeindeten Streithammeln mutieren. Neulich bei uns im Kinderzimmer: harmonische und friedliche Töne. Es wurde miteinander an einer Legostadt gebaut. Als es darum ging, die Spielrollen zu verteilen, kam Uneinigkeit auf. Die Große wollte das Hotel und den Freizeitpark betreiben, der jüngere Bruder leider auch. Und Schwupp di wupp waren die harmonischen Klänge vorbei und es wurde handgreiflich. Die Gewaltspirale war eröffnet. Figuren flogen, im Zimmer, an Köpfe, und zum Schluss lag das Bauprojekt in Trümmern.

Geschwisterstreit ist Training für später

Wer kennt es nicht? Für die meisten Eltern klingt dies nach Alltagsmusik und ja: Streit zwischen Kindern und besonders unter Geschwistern gehört nun mal zum Großwerden dazu und ist völlig normal. Die Kinder lernen dadurch, ihre Interessen zu vertreten und die Interessen anderer zu achten. Das ist wie ein Training, um später als Erwachsene Konflikte gut lösen zu können. Was als Steppke noch mit Fäusten ausgetragen wird, ist die Grundlage für später, wenn es darum geht, Standpunkte auszutauschen, zu verhandeln und zu einer Lösung zu kommen, mit der im Idealfall beide Seiten zufrieden sind. Um Kinder auf dem Weg zu guten Konfliktlösern zu begleiten, gibt es ein paar Grundregeln- für Eltern.

 

Kinder im Streit begleiten- Grundregeln für Eltern

1.      Grundregel: Lasst eure Kinder ihren Streit austragen.

Streiten ist allemal besser als sich zurückzuziehen, zu schmollen, an den Nägeln zu kauen, einzunässen… Im Streit können Kinder aktiv für ihre Belange einstehen und ihrem Ärger Luft machen. Eltern können hier ermutigen: Ja, klärt das miteinander. Es ist gut und wichtig, seinen Ärger auszudrücken.

2.      Grundregel: Greift nicht vorschnell ein, um zu schlichten.

Erstmal Raushalten oder mit anderen Worten: lasst die Kinder ihre Erfahrungen beim Streiten sammeln. Wenn man sich als Eltern zurückhält, haben die Kinder die Chance und auch Verantwortung, ihre Unstimmigkeiten selbst zu klären. Damit werden Streitereien vermieden, die nur das Ziel haben, die Aufmerksamkeit der Eltern zu bekommen. Und: Kinder können danach stolz sein, selbst eine Lösung gefunden zu haben. Eltern können bei Geschwisterstreit erstmal abwartend beobachten, gemäß dem Motto: Das ist Eure Sache. Klärt es untereinander. Ihr schafft das!

Wenn der Streit droht zu eskalieren, bspw., wenn es zu Schaden an Leib und Seele, Hab und Gut kommt, dann sollten Eltern unterstützend eingreifen. Das kann insbesondere bei jüngeren Kindern nötig sein, die sich sprachlich noch nicht so gewandt ausdrücken können.

3.      Grundregel: Ergreifen Sie nicht Partei.

Versucht neutral zu bleiben, auch, wenn die Streithähne verlangen, dass ihr Stellung bezieht oder es bereits zu Handgreiflichkeiten gekommen ist. Zum Streiten gehören immer mindestens zwei und jeder hat seinen Anteil daran, dass es zum Streit gekommen ist. Indem wir Eltern uns auf eine Seite (meist die Schwächere) schlagen, fördern wir Eifersucht, Neid und Konkurrenz unter Geschwistern. Was Eltern stattdessen machen können: in den Arm nehmen und trösten, Wunden versorgen.

4.      Zeigen Sie Kindern, wie man Konflikte lösen kann.

Auch, wenn man nicht zu schnell eingreifen soll, brauchen Kinder beim Streiten eine Orientierung. Eltern sind immer auch Vorbild für geschicktes und faires Streiten. Hilfreich können ein paar Streitregeln sein. In meiner Familie sind das drei: keine Gewalt, keine Zerstörung, keine Beleidigungen. Um sich zu schützen und Wut rauszulassen sollte die Streitarena verlassen werden, so lange, bis sich die erhitzten Gemüter wieder abgekühlt haben. Wenn der Streit nicht mehr akut ist, sollten die Kinder ermutigt werden, ihre Sicht der Dinge zu schildern. Jeder darf sagen, wie er/ sie sich fühlt und wie es zum Streit gekommen ist. So lernen Kinder, ihre Gefühle auszudrücken und sich gegenseitig zuzuhören. Jetzt ist auch die Zeit, gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Fragen Sie die Kinder, was eine gute Lösung sein könnte und helfen Sie dabei akzeptable Vorschläge sofort umzusetzen. Bei jüngeren Kindern bietet es sich an, ein oder zwei Vorschläge zur Auswahl anzubieten.

Autorin:

Gloria-Beatrice Wintermann

Diplom-Psychologin und Verhaltenstherapeutin für Erwachsene, Kinder und Jugendliche

Gloria Wintermann · 11.07.2025


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