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Die Kind+Kegel- Vorlesegeschichte

von Sylvia Englert und Sabine Dully · 20.12.2018

Finn geht gern zu Schule, nur leider ist die ein ganzes Stück weg. Zwanzig Minuten läuft er jeden Morgen, und am Nachmittag zwanzig zurück. Die kommen ihm manchmal vor wie zwanzig Stunden, weil niemand aus seiner Klasse 2b auf dem Weg wohnt. Jedenfalls niemand, den er nett findet. Und alleine gehen ist sehr langweilig.

»Kann ich nicht wenigstens mit dem Roller fahren?«, fragt Finn seine Mama. »Dann bin ich schneller da.« »Damit warten wir besser bis nächstes Jahr«, sagt sie nur. Das nervt. Finn hat schlechte Laune, als er an diesem Morgen die Haustür hinter sich zumacht und losmarschiert. Er geht den Bürgersteig entlang und denkt darüber nach, wie er seine Eltern überreden kann, dass sie ihm einen Roller erlauben. Deshalb dauert es einen Moment, ehe er merkt, dass er nicht mehr allein ist. Eine Art Hund trippelt neben ihm her. Oder ist es doch kein Hund? Und wo ist der auf einmal hergekommen? Ein Halsband hat er nicht, und es ist niemand in der Nähe, dem er gehören könnte. »Warum schaust du mich so an?«, fragt das Tier und blickt zu ihm hoch. »Du bist kein Hund, oder?«, meint Finn. »Hunde können nämlich nicht reden. Bist du ein Werwolf?« »Nee!«, sagt das Tier stolz. »Ich bin ein Warumwolf! «Finn muss lachen. »Cool«, sagt er. Übermütig springt der Warumwolf auf eine Gartenmauer und versucht, nach einem Apfel zu schnappen.

Knirsch! Das war leider ein Ast. Beim nächsten Versuch erwischt er einen Apfel – und verzieht die Schnauze. »Wäh! Warum wachsen auf Bäumen eigentlich keine Fleischbällchen?«, fragt er und spuckt ein Stück Apfel aus. Finn grinst, da fällt ihm doch gleich eine super Antwort ein. »Hier gibt’s solche Bäume nicht. Die sind in Europa ausgestorben.« »Warum?« Der kleine Wolf spitzt die Ohren. »Ist doch klar, wegen der fleischfressenden Pflanzen«, erklärt Finn. »Die haben – zack, zack, zack – alles abgefressen! Aber in Australien, da gibt es noch Bäume, auf denen Würstchen wachsen. Und Sträucher mit Schnitzeln dran. Ab und zu kann man auch Fleischbällchen ernten, aber die werden erst im Winter reif. Wenn es kühl ist, halten sie länger.« »Oh!«, sagt der Warumwolf. »Da müssen wir mal hin fahren. Warum sind die Bäume denn in Australien nicht ausgestorben?«

»Dort gibt es ganz viele Krokodil-Bienen«, meint Finn und hüpft fröhlich über den Bürgersteig. »Die passen auf die Bäume auf, weil sie so tolle Schinkenblüten haben. Mit diesen Bienen legen sich die fleischfressenden Pflanzen lieber nicht an.« Da sind sie auch schon an der Schule angekommen. Wölfe dürfen leider nicht mit rein. »Holst du mich später ab?«, fragt Finn. Er kann kaum glauben, dass er schon da ist, er ist doch eben erst losgegangen! Seine Füße sind ganz von selbst gelaufen, er hat es kaum gemerkt. »Warum nicht?«, meint der kleine Wolf. Dann sieht er eine Katze, die eine Maus im Maul trägt, und wird ganz aufgeregt. »Warum magst du Mäuse?«, ruft er ihr zu. »Warum trägst du die herum? Warum kommst du nicht mit nach Australien, wo die Fleischbällchen wachsen?« Doch die Katze sagt nur »Mmpf« und kriecht unter einem Zaun durch. Wahrscheinlich kann man mit einer Maus im Maul nicht so gut reden. Finn winkt dem Warumwolf zum Abschied und rennt in sein Klassenzimmer, in dem seine Lehrerin Frau Klein schon wartet und ihm freundlich zulächelt. Finn begrüßt Fabio und Lina, die er beide gerne mag, dann setzt er sich an seinen Platz und kramt nach seinem Mäppchen. Ob der kleine Wolf ihn nachher wirklich abholt? Vielleicht vergisst
er es, so wie sein Opa mal vergessen hat, Finn aus dem Kindergarten abzuholen. Oder vielleicht sucht der Warumwolf sich ein anderes Kind, das mehr Zeit hat, sich mit ihm zu unterhalten. Finn zieht ein Blatt Papier und ein paar Stifte heraus und beginnt, den Warumwolf zu malen, bevor der Unterricht losgeht. Als Frau Klein herumgeht, schaut sie ihm über die Schulter. »Das ist aber ein hübscher Hund«, sagt sie. »Es ist kein Hund«, sagt Finn. »Sondern ein Warum-wolf.«

Frau Klein muss lachen. »Ein was?« »Ich hab ihn heute getroffen«, erklärt Finn. »Er ist wirklich ein Wolf, und er ist irre neugierig.« »Hier in der Gegend gibt es keine Wölfe«, erklärt Frau Klein ihm geduldig. Warumwölfe schon, denkt Finn. Die leben bestimmt überall dort, wo ihnen jemand Fragen beantworten kann. Und Fragen beantworten, das kann Finn ja wohl. Wieso hat er seinen neuen Freund nicht mal gestreichelt? Dabei hätte er gemerkt, ob er ihn sich nur vorstellt. Einbildungen haben kein Fell. Eigentlich findet Finn Freitage gut, weil sie da Werken und Sport haben. Aber heute kann er kaum erwarten, dass die Schule endlich aus ist. Hat Frau Klein recht, gibt es den Warumwolf gar nicht? Gleich wird er es wissen, denn etwas, was es nicht gibt, kann ja wohl kaum draußen auf ihn warten. Schnell setzt Finn sich seinen Ranzen auf und stürmt mit einem »Tschüss« aus dem Klassenzimmer. Am Eingang der Schule schaut er sich mit klopfendem Herzen um. Auf den ersten Blick sieht er nur jede Menge andere Kinder, die alle nach Hause wollen und sich aufs Wochenende freuen. Doch dann entdeckt er bei den Fahrradständern zwei graue Ohren – und eins davon winkt ihm zu! Finn drängt sich zum Warumwolf durch und strahlt ihn an. »Toll, dass du da bist! Darf ich dich mal streicheln?« »O ja, hinter den Ohren bitte«, sagt der Warumwolf. Finn streicht ihm über das dichte Fell und krault ihn hinter den seidenweichen Ohren. »Stell dir vor, Frau Klein hat gedacht, dass es dich gar nicht gibt«, erzählt er. »Warum?« Der Warumwolf macht große Augen. »Ich glaube, weil du noch nie im Fernsehen warst«, erklärt Finn. »Und in der Zeitung auch nicht, oder im Radio. Erwachsene sind manchmal komisch, weißt du?« »Ach so«, sagt der Warumwolf. Dann machen sie sich auf den Weg nach Hause.

Zusammen entdecken Finn und der Warumwolf unter anderem Gerade Bananen, Glückshaie und Bonbonregen. Lest einfach selbst weiter, welche Abenteuer den beiden noch bevorstehen! Oder schaut euch einfach unsere anderen Literaturtipps für die Feiertage an!

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