Ganz viel Liebe, die ich nicht mehr geben konnte...

Trauernde Eltern

 

Über eine Frau,

ihre Fehlgeburten und

ihren Mut öffentlich

darüber zu sprechen



 Amelie* läuft los, als ob es etwas zu feiern gäbe. „Ich gehe meine Geschwister besuchen“, sagt das blonde Mädchen. Eifrig sammelt die Vierjährige ein paar Blumen, die in der Nähe wachsen. Den Strauß teilt sie, legt jeweils einen auf einen der Granitsteine am Boden. Es sind Grabsteine. Amelie besucht ihre Geschwister auf dem Friedhof.


Das Mädchen hat sie nie kennengelernt. Sie starben noch während der Schwangerschaft und sind auf dem Neuen Katholischen Friedhof in Dresden-Friedrichstadt beerdigt – auf der Wiese der Sternenkinder.

„Diese Wiese ist für uns der Ort, wo die Liebe zu unseren ungeborenen Kindern greifbar wird“, sagt Amelies Mutter Sabine*. „Wir spüren, dass sie bei uns sind.“ So seltsam es für Außenstehende klingen mag, sie gehen gern und häufig hierher, singen und lachen, um den Kindern nahe zu sein. Auf der Wiese werden seit dem Jahr 2007 Babys beerdigt, die weniger als 500 Gramm gewogen haben. Die rund 1000 Quadratmeter große Fläche wurde dem Verein "Sternenkinder" von der Kirchhofstiftung als Ruhestätte für die Allerkleinsten zur Verfügung gestellt. Zwei Bestattungen gibt es im Jahr – jeweils im Frühjahr und im Herbst.


Bei jeder Bestattung wird jeweils ein neues Grab geschaffen. Dieses erhält ein Symbol, das betroffene Eltern aussuchen. So gibt es bereits das Einhorn, den Schmetterling, die Kinderfußspuren, das Schneeglöckchen, den Regenbogen, die Sonne, eine Schnecke mit Häuschen, das Wolkenschäfchen und seit Herbst diesen Jahres das Häschen.


"Da war Traurigkeit, Sehnsucht und viel Liebe, die ich nicht geben konnte."


Nach der Geburt von Amelie hatte Sabine zwei Fehlgeburten nacheinander erlitten. Ihr Kind „Janne“ hätte im Juni 2009 Geburtstermin gehabt. Es verstarb in der 13. Schwangerschaftswoche (SSW) und wurde im März 2009 unter dem Symbol des Schneeglöckchens beerdigt. „Das kleine Träumelein“ verlor sie bereits in der 5. SSW. Es wurde im März diesen Jahres unter dem Symbol des Wolkenschäfchens beigesetzt.

 "Nach den beiden Fehlgeburten war unendlich viel Traurigkeit, Sehnsucht und ganz viel Liebe da, die ich geben wollte und nicht mehr geben konnte. Wir konnten unsere Kinder nicht streicheln, nicht in den Arm nehmen, nicht küssen. Die unerfüllte Liebe ist ja da, aber der Schmerz verändert sich", erzählt die Lehrerin.


Um das Geschehene zu verarbeiten, spricht sie mit ihrer Familie und ihren Freunden, oftmals ebenfalls verwaiste Eltern, viel über den Tod. „Auch unsere Amelie konfrontiert uns durch ihre Fragen immer wieder mit diesem Thema. Sie fragt, weshalb Janne und 'das kleine Träumelein' gestorben und ob sie jetzt im Himmel seien. Sie bedauert auch, dass Janne nicht mit ihr spielen könne."


Janne wäre zweieinhalb Jahre jünger gewesen. Sabine versucht ihrer Tochter die Fehlgeburten verständlich zu machen, auch wenn sie selbst lange gebraucht hat, um es selbst zu begreifen. „Die Kinder waren doch bei uns. Sie haben in mir ein paar Wochen, einen Wimpernschlag gelebt. In dieser Zeit ist bei mir und meinem Mann Alexander tiefe Liebe entstanden und so empfinden wir auch Trauer.“

 


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* Namen sind der Redaktion bekannt, wurden aber geändert